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Alle wollen mehr öV, aber niemand steigt um



Um den Anteil des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz in den kommenden Jahren zu erhöhen, sind Massnahmen zur Änderung der Gewohnheiten aller Beteiligten, also der Nutzerinnen und Nutzer, der Behörden (Bund, Kantone, Agglomerationen, Gemeinden), der Entscheidungsträgerinnen und -träger, der Anbieter und der Unternehmen, notwendig.

Auf allen Ebenen werden starke und koordinierte Massnahmen benötigt, um eine nachhaltige und effiziente Mobilität auf der Grundlage des öffentlichen Verkehrs zu unterstützen.

Worum es geht

Als Alpenland spürt die Schweiz die Auswirkungen des Klimawandels unmittelbar durch Phänomene wie Hitzewellen, weniger Schnee und dem Rückgang der Gletscher, was sie vor eine der grössten aktuellen Herausforderungen stellt. Im Bestreben, den Klimawandel zu bekämpfen, verfolgt die Schweiz das Ziel, bis zum Jahr 2050 keine Treibhausgase mehr zu emittieren. Eine Steigerung der Nutzung des öffentlichen Verkehrs im Gesamtverkehrskonzept ist ein wesentlicher Bestandteil der Strategie, um diese Klimaziele zu erreichen.

Für die Verwirklichung des Netto-Null-Ziels spielt der Verkehrsbereich eine entscheidende Rolle. In der Schweiz werden 40 Prozent der CO2-Emissionen und etwa ein Drittel des gesamten Energieverbrauchs dem Verkehr zugeschrieben. Doch es ist essenziell, den Verkehrssektor differenziert zu analysieren. Der öffentliche Verkehr zeichnet sich im Vergleich zum motorisierten Individualverkehr durch eine höhere Klimaverträglichkeit und einen geringeren Energieverbrauch aus. 

Derzeit liegt der Anteil des öVs am gesamten Verkehrsaufkommen in der Schweiz, bekannt als Modalsplit, je nach Berechnungsmethode zwischen 13 Prozent (basierend auf der Anzahl der Wege) und 28 Prozent (basierend auf den zurückgelegten Distanzen). Im europäischen Vergleich sind diese Werte hoch.  

Doch der Modalsplit des öffentlichen Verkehrs erhöhte sich in den vergangenen 15 Jahren trotz bedeutender Investitionen in Fahrzeuge, neue Angebote und Infrastruktur durch Transportunternehmen und die öffentliche Hand kaum. 

Warum das wichtig ist

Die Erhöhung der Nutzung des öffentlichen Verkehrs ist ein zentrales Thema für die kommenden Jahre. Tatsächlich steht die Schweiz vor einer Reihe von Herausforderungen, die die Mobilität der Zukunft stark prägen werden:

  • Demografische Herausforderung, bedingt durch ein allgemeines Bevölkerungswachstum, welches sich jedoch auf bestimmte Kantone und städtische Gebiete konzentriert;
  • Generationenbezogene Herausforderung, mit einer alternden, aber mobil bleibenden Bevölkerung und einem Zuwachs von Personen in der aktiven Bevölkerung, die einer Generation angehören, die Verantwortung für Umwelt und Klimafragen übernehmen will;
  • Raumplanerische Herausforderung, mit zunehmend attraktiven Agglomerationen, deren Wachstumspotenzial vor allem im Agglomerationsgürtel liegt, und die durch effiziente Verkehrsnetze bedient werden müssen;
  • Umweltpolitische Herausforderung, mit Emissionsreduktionszielen, die einen Übergang zu weniger Treibhausgas verursachenden Verkehrsträgern erfordern werden (zur Erinnerung: Der öffentliche Verkehr ist für nur 4 Prozent der CO2-Emissionen des Verkehrs in der Schweiz verantwortlich, obwohl 28 Prozent der zurückgelegten Distanzen auf den öV fallen);
  • Technische und technologische Herausforderung, mit neuen Systemen und Instrumenten, die es ermöglichen werden, den Verkehr optimal zu planen und zu organisieren, insbesondere durch Anpassungen des Angebots in Echtzeit entsprechend der effektiven Nachfrage.
Aschi E. Schmid
«Trotz hoher Investitionen hat sich der Modalsplit des öV in den letzten 15 Jahren kaum mehr vergrössert. Um den Anteil des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz in den kommenden Jahren zu erhöhen, sind Massnahmen zur Änderung der Gewohnheiten aller Beteiligten erforderlich.»
Aschi E. Schmid

«Trotz hoher Investitionen hat sich der Modalsplit des öVs in den letzten 15 Jahren kaum mehr vergrössert. Um den Anteil des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz in den kommenden Jahren zu erhöhen, sind Massnahmen zur Änderung der Gewohnheiten aller Beteiligten erforderlich.»

Wie es weitergehen kann

In der Zukunft wird die Entscheidung für ein Verkehrsmittel unter neuen Gesichtspunkten getroffen, wobei Aspekte wie Angebotsqualität und -zuverlässigkeit, Reisedauer, Komfort (sowohl in den Fahrzeugen als auch an Umsteigestellen) sowie die Kosten ausschlaggebend sein werden. Die Veränderungen dieser Elemente wirken sich sowohl kurzfristig (Steigerung der Passagierzahlen durch Bedienung der versteckten Nachfrage, Verschiebung zwischen den Verkehrsmodi) als auch mittel- bis langfristig (Wohnortwahl, gesteigerte Attraktivität bestimmter Regionen) aus.

Der öffentliche Verkehr muss sich an diesen wandelnden Rahmenbedingungen orientieren, um seinen Beitrag zum Gesamtverkehrsaufkommen zu steigern. Daher ist es notwendig, geeignete Strategien zu entwerfen, zu entwickeln und einzuführen.

Einzeln betrachtet haben die Massnahmen einen jeweils mehr oder weniger signifikanten Einfluss und entfalten ihre Wirkung kurz- bis langfristig sowie klein- bis grossräumig. Die Analysen zeigen, dass jene mit dem grössten Einfluss auf die Entwicklung des Modalsplits folgende Aspekte betreffen:

  • Erhöhung des Angebots: erhöhte Frequenz, neue Netzzugänge, neue Linien;
  • Anpassung des Angebots entsprechend der Entwicklung der Nachfrage: neue Produkte, flexible Preisgestaltung, vereinfachter Verkauf, Berücksichtigung des fluktuierenden Freizeitmobilitätsbedarfs;
  • Raumplanung: Schaffen von Zentren der Funktionen Arbeit, Wohnen, Freizeit und Einkaufen in räumlicher Anordnung um die Knotenpunkte des öVs sowie Verbesserung der Schnittstellen und deren Erreichbarkeit;
  • Einschränkungen des motorisierten Individualverkehrs, insbesondere betreffend den Pendelverkehr;
  • Allgemeine Verbesserung des Images des öVs bei den Benutzerinnen und Benutzern und in der breiten Öffentlichkeit.

Aktuell machen die Personenkilometer im öffentlichen Verkehr 28 Prozent der gesamten zurückgelegten Distanzen aus. Gemäss einer Studie besteht jedoch Potential, diese bis auf 40 Prozent anzuheben.


Quelle und Zitate: Citec Ingénieurs SA (2021). Perspektiven zur Erhöhung des Modalsplit des öffentlichen Verkehrs – Mehr Agilität für die Zukunft.

Fazit

Das Entwickeln und Umsetzen von Vorschlägen betreffend den öV ist nicht in der alleinigen Verantwortung der öV-Branche. Vielmehr beruht es auf breit abgestützten Konsultationen und Strategien. Der Bund, die Kantone und die Agglomerationen sind direkt betroffen – und sind bereits aktiv. Die bestehende Zusammenarbeit und die entsprechenden Massnahmen müssen gestärkt werden, während gleichzeitig weitere Akteure wie beispielsweise Unternehmen und Verbände einen nützlichen Beitrag leisten können.